Alexandra Doroteja Frederiksen geb. Danske 1.8.1894 – 11.8.1983

Riga an der Düna, das heißt die lettische Hauptstadt, blieb für Frau Frederiksen Dreh-  und Angelpunkt ihrer Erzählungen. Hier kam sie am 1. August 1894 als höhere Tochter einer deutsch-baltischen Familie zur Welt.  Obwohl das Leben Alexandra Doroteja viele Schicksalsschläge bereitete, strahlte sie auch als schwerhörige, geschiedene Frau Frederiksen im Stift eine bewundernswerte Haltung aus.

Dass ihr Mädchenname durch den unerwarteten Umzug nach Kopenhagen eine neue Dimension bekommen hatte, konnte sie amüsieren – das dänische Umfeld schien es aber eher kalt zu lassen. Nur Frau Frederiksen hatte ein Gespür dafür, dass die Ostseelage Kopenhagen und Riga zu verwandten Städten machte.

Eine Aristokratin im Stift

„Nein, das darf man nicht!“ tönt es gellend aus der Stiftswohnung unter meiner. Die weiteren Worte höre ich nur als aufgeregtes Geschrei! Passiert gerade ein Überfall? Ein Mord? Meine Konzentration in Richtung Diftongierung im Mittelhochdeutschen und anderer Vokalentwicklungen  ist hin. Soll ich vom Gemeinschaftstelefon im 2. Stock irgendwo anrufen? Die Polizei, den Kirchenrat? Da höre ich zu meiner Erleichterung eine beruhigende weibliche Stimme, in der Wohnung unten wird es langsam still. Also studiere ich, als Germanistikstudentin, wieder die Übersicht von Vokalveränderungen.
Die Geräusche von unten höre ich nur an gewissen Wochentagen und immer zur gleichen Uhrzeit – welche Geschichte sich dahinter verbirgt, erfahre ich erst, als mir Frau Ekner als Stiftsvorsteherin des Kirchenrates auferlegt, die Dame unten zu besuchen. Frau Frederiksen sei taub, aber es sei gut, wenn sie mal ab und zu etwas Gesellschaft habe. „Also Claudia, das machst du schon!!”

Der erste Besuch

Der Autorität der Stiftsvorsteherin ist nicht zu trotzen, und so stehe ich eines Tages mit klopfendem Herzen vor der Tür zu Zimmer 27. Wie kann ich Frau Frederiksen signalisieren, dass ich herein möchte? Ich fasse mir ein Herz und trete einfach ein. Da liegt auf einem riesigen Sofa eine zarte kleine Dame, eingerahmt von Büchern und Zeitschriften wie Stern und Spiegel – alles stapelweise.
Relativ behände arbeitet sie sich in eine aufrechtere Position, um mich zu begrüßen. Ganz weiche, warme Hände packen meine: „ Gut, dass Sie kommen, mein Mädchen“, ertönt es in baltisch geprägtem Deutsch – etwas zu laut.
Vor mir steht ein Persönchen in dunkelblauem, seidenem Morgenmantel, in Ehren gealtert, wie die Trägerin. Die schneeweißen Haare werden hinten von einer Spange zusammengehalten, wache blaue Augen blitzen mich an.
Über den Anfang unseres Gespräches brauche ich mir keine Gedanken zu machen, Frau Frederiksen redet – die Stimme kommt mir sofort ungeheuer bekannt vor! Dass die Dame mich nicht kennt, scheint sie nicht zu stören, nur muss sie mich darüber aufklären, wie mit ihr zu kommunizieren sei: meinerseits läuft alles über kleine Zettelchen, während sie mir mündlich antwortet. Dadurch hält sie die Zügel in der Hand, ohne daran zu denken, dass mir die Zusammenhänge ihrer Biographie nicht ganz klar sein können. Höflich nicke ich, schreibe kleine Kommentare aufs Papier, höre zu und betrachte die 14 m2 große Einzimmerwohnung.
Vor dem Fenster steht ein kleiner Esstisch, vor dem erwähnten Sofa gruppieren sich einige Sessel um einen weiteren Tisch, links neben der Eingangstür präsidiert ein dunkler Schrank, während Bett und Bettschrank rechts  in der Ecke untergebracht sind. Das ist das Reich von Frau Frederiksen, das zu verlassen mir erst nach vielen diskreten Vorübungen gelingt. Aber ich komme wieder.

Wiederholte Besuche

Ein Mal die Woche tauche ich ein in die Welt von Frau Frederiksen, wo eine echte Aristokratin ohne Bitterkeit regiert  – trotz bescheidener Verhältnisse. Nicht nur das Gehör von Frau Frederiksen hat ihr den Dienst versagt, auch die Beine können nicht mehr. Als ich sie kennenlerne, beschränkt sich ihr Aktionsradius seit 7 Jahren auf ihre  Wohnung und den Weg zur Toilette, die glücklicherweise gleich draußen auf dem Flur ist!
Trotzdem beobachtet Frau Frederiksen aus Sofaperspektive interessiert das aktuelle Tagesgeschehen. Eine Bibliothekarin von der Bücherei auf Kultorvet bringt ihr regelmäßig Literatur, die Frau Frederiksen nach ganz eigenem Ermessen rezensiert. Die Artikel in Spiegel und Stern sind nach der Lektüre mit Kommentaren in kraftvoll geschwungener Handschrift verziert. Besonders Artikel über schweres menschliches Schicksal wecken die Gefühle von Frau Frederiksen, erfahre ich mit der Zeit. Liest sie von Menschen, die unverschuldet in Not geraten sind, schickt sie mich mit 100 kr. zur Post, damit ich Geld überweise.
Für sich selbst beansprucht sie so gut wie gar nichts: bei fast all meinen Besuchen trägt sie einen ihrer schlichten seidenen Morgenmäntel, die sie selbst vor Jahren genäht hat. Eine Zugehfrau, auch schon etwas älter, kommt zweimal wöchentlich von Nansensgade herüber, hört geduldig Geschichten, die sie schon längst kennt, putzt ein wenig, kocht für Frau Frederiksen und stellt die Mahlzeit unter ein Fliegennetz auf den Küchentisch. Einen Kühlschrank lehnt Frau Frederiksen strickt ab!

Die Vergangenheit

Überhaupt ist jedes Argument vergeblich, wenn Frau Frederiksen erst ihre Meinung gebildet hat. Und ihre Vergangenheit ist ihr Spezialgebiet, da kann ihr keiner reinreden. Leider nimmt sie hinsichtlich der Chronologie keine Rücksicht auf ihre Zuhörerin und springt ohne Probleme von der russischen Revolution zu Kvindehjemmet auf Jagtvejen. Riga, ihre Heimat, fasst sie als Nachbarstadt zu Kopenhagen auf, eine Ansicht mit der sie Ende der 70ziger Jahre wohl ziemlich allein steht. Mit der Zeit versuche ich die Bruchstücke zu kombinieren: Frau Frederiksen stammt aus einer baltisch-deutschen Familie, lernte als höhere Tochter Sprachen und Klavier spielen, bis die russische Revolution die Familie von Haus und Hof verjagte, und sich das Leben der Familie drastisch änderte. Frau Frederiksen verliebte sich in einen jungen Mann, wurde schwanger, was sie durch strenges Schnüren bis zum 6. Monat verheimlichte. Irgendwie taucht auf ein Aufenthalt in Jekatrinenburg am Ural auf, aber ich bekomme es nicht ganz auf die Reihe. Sie bekam Sascha, ihren Sohn, der als junger Mann auf dem vergilbten Foto auf dem Schrank zu sehen ist. Im 2. Weltkrieg Krieg gefallen. Frau Frederiksen war auf der Flucht,  überlebte im Februar 1945 die Bombardierung von Dresden durch die Engländer und Amerikaner, landete als Flüchtling in Ahausen und kam nach Dänemark. Mit ihrem Mann, einem Dänen, ging Frau Frederiksen wieder nach Lettland, betrieb eine Meierei, die schließen musste, worauf die nächste Station Kopenhagen hieß. Der Mann ließ sie sitzen, die Situation sah so aus: keine Familie, keine Heimat, keine Ausbildung, kein Geld, keine Bleibe, keine Dänischkenntnisse. Als höhere Tochter hatte Frau Frederiksen jedoch Nähen gelernt und fand als Näherin beim Kaufhaus Magasin am Kongens Nytorv jahrelang ihr bescheidenes Auskommen.
Die Kunst des Säumens erklärt sie mir gern in allen Einzelheiten, zeigt stolz das Foto einer Frau im Tivoli – im selbst geschneiderten modischen Kostüm. Der Höhepunkt – ein neuer Hut!
Und bei allem Erzählen kein Klagen, nur eine aufrechte Haltung und die Gewissheit, Gott habe immer seine schützende Hand über sie gehalten.

Oft stehe ich lange in der Tür, die Schokolade, die mir Frau Frederiksen immer zusteckt, schmilzt in meiner Hand – die Erzählungen nehmen kein Ende. „In der nächsten Zeit werde ich nicht kommen können, schreibe ich eines Tages auf einen Zettel, „weil ich in Hamburg studieren werde.“
Als ich wieder in Kopenhagen bin, erfahre ich, Frau Frederiksen ist gestorben. Ein Grab gibt es nicht, Frau Frederiksen hat, wie angekündigt, ihren Körper der Wissenschaft vermacht. Was hatte sie noch immer zu mir gesagt: „Wissen Sie Claudia, meine Seele wird dann doch bei Gott sein.“

Claudia Hoffmann Dose